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Rudolf BellingRudolf Belling

Moden-Plastik, Modell D (Rock-Plastik "Lillian"), um 1923Moden-Plastik, Modell D (Rock-Plastik "Lillian"), um 1923

Nitrolack auf Pappmaché und Holz
139 x 35 x 25 cm
Auflage unbekannt

© Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Thomas Bruns / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Dass eine Schaufensterfigur in die Sammlung der Nationalgalerie aufgenommen wird, mag zunächst ungewöhnlich erscheinen. Es erklärt sich aber daraus, dass ihr Schöpfer Rudolf Belling (1886-1972) einer der wichtigsten und vielseitigsten Bildhauer der Klassischen Moderne in Deutschland war. Das Museum besitzt zehn weitere Werke Bellings, von denen vier den Freunden der Nationalgalerie gehören. Die Schaufensterfigur wurde erworben im Vorfeld der 2017 im Hamburger Bahnhof gezeigten Ausstellung Rudolf Belling. Skulpturen und Architekturen.

Der in Berlin geborene Belling bewegte sich sowohl im Feld der freien wie auch der angewandten Kunst. Er hatte zunächst eine Lehre als Kunsthandwerker durchlaufen und danach Bildhauerei studiert. Bereits früh erlernte er die Technik des Kaschierens, bei der mehrere Lagen von Papier- oder Pappmaché durch Leim verbunden werden. Plastische Modelle und Dekorationen sind auf diese Weise gut zu formen und leicht zu transportieren. Belling arbeitete für die Bühnen Max Reinhardts und stellte 1915 für Paul Wegeners Golem-Film eine lebensgroße Figur des Hauptdarstellers als Golem her.

Als nach dem Ersten Weltkrieg moderne Tendenzen in die Schaufenstergestaltung Einzug hielten, beauftragte die Erdmannsdorfer Büstenfabrik Belling mit dem Entwurf neuartiger Schaufensterfiguren. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Puppen aus Wachs gefertigt und naturalistisch modelliert. Belling entwickelte ein vollkommen neuartiges Konzept, indem er die Körper stark abstrahierte, metallisch lackieren ließ und damit stilistisch Elemente des Art déco vorwegnahm.

Als „Konfektionsbüste für Schaustellungszwecke“ wurde Bellings erste Schöpfung im Oktober 1921 patentiert und im Dezember desselben Jahres als „Moden-Plastik“ im Hotel Esplanade in Berlin erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Figuren erregten großes Aufsehen und waren ein sensationeller Erfolg. In der Folgezeit erweiterte Belling seine Produktpalette, so dass im Katalog der Erdmannsdorfer Büstenfabrik 1924 auch das dreiviertelhohe Modell D zur Präsentation von Röcken und Miederwaren als „Rockplastik“ in zwei Ausführungen angeboten wurde: Bronziert in mattem Goldton oder blattvergoldet. Der wie eine abstrakte Skulptur anmutende Körper läuft unterhalb der Hüften kegelfömig nach unten zu und wird mit dem runden Holzsockel über zwei pagodenartige Rundstufen mit aufgesetzter Kugel verbunden. Auf diese Weise scheint die Figur elegant und fast schwerelos zu balancieren.

Das Exemplar der Nationalgalerie zeigt auf dem konkav gewölbten oberen Abschluss in Schreibschrift den Namen „Lillian“. Bislang konnte nicht geklärt werden, ob es sich dabei um eine Modefirma oder eine Produktlinie handelte und wann dieser Schriftzug aufgetragen wurde. Bei einem vergleichbaren Exemplar in der Berliner Sammlung Knauf ist die Schrift deutlich lesbar in Schwarz aufgetragen, beim Nationalgalerie-Exemplar dezent unter der Goldlackierung zu erkennen.

Bellings angewandte Arbeiten waren nicht nur in der Modebranche sehr beliebt, sie wurden auch von Vertretern staatlicher Kunstinstitutionen hoch geschätzt. Ludwig Justi lud den Bildhauer 1924 zu einer Einzelausstellung in der Neuen Abteilung der Nationalgalerie im Kronprinzenpalais ein und akzeptierte es, dass in der Schau auch zwei Moden-Plastiken vertreten waren. Justis Kollege Peter Jessen, Direktor der Kunstbibliothek an den Königlichen Museen zu Berlin, schrieb zur selben Zeit ein Geleitwort für „Die Moden-Plastik. Ein Handbuch für ihre Anwendung in der Schaufensterdekoration“.

Bis Belling Deutschland Ende 1936 verließ, modellierte er weitere Schaufensterfiguren. Sie sicherten sein Einkommen in wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten.

Dieter Scholz