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Ceal FloyerCeal Floyer

Working Title (Digging), 1995Working Title (Digging), 1995

Soundinstallation

Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus | © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

In ihren konzeptuellen Arbeiten geht Ceal Floyer zumeist von alltäglichen Gegenständen und Situationen aus. Durch Eingriffe, die man erst auf den zweiten Blick wahrnimmt, erzeugt sie Irritationen, die der gewöhnlichen Erfahrung zu widersprechen scheinen. Floyers Klanginstallation Working Title (Digging) spielt mit unserer Erwartungshaltung gegenüber dem, was wir hören. Auf der visuellen Ebene stellt das Werk seine technische Beschaffenheit aus: Ein CD-Player steht auf dem Boden, darauf befindet sich ein Verstärker, an den mit Kabeln rechts und links zwei Lautsprecher angeschlossen sind. Im Unterschied zur Installation einer HiFi-Anlage im heimischen Wohnzimmer ragen die beiden Boxen jedoch nicht aufrecht in die Höhe, sondern ihre Vorderseite zeigt nach oben zur Decke. So werden sie zu an Werke der Minimal Art erinnernden schwarzen Quadern, die mit etwas Abstand voneinander im Raum arrangiert sind.
Aus den Lautsprechern erklingen zwei sich abwechselnde, unterschiedliche Geräusche. Während aus dem einen ein dunklerer, leicht metallischer Ton zu hören ist, gibt der andere einen kurzen, raschelnden Sound wieder. Im Zusammenspiel ergibt sich eine anhaltende knappe Taktfrequenz, die der Betrachter am besten wahrnimmt, wenn er einen Platz mittig vor den Schallquellen einnimmt. Spätestens der Blick auf den Untertitel verrät, dass es sich bei diesem Rhythmus um das Geräusch des Grabens (engl. to dig) mit einem Spaten handelt, das Floyer auf die beiden Kanäle der Stereowiedergabe aufgeteilt hat. Rechts sticht die Schaufel in die Erde, die dann in einem imaginären Bogen nach links geworfen wird, um dort auf einem gleichfalls unsichtbaren Haufen zu landen.

Dass sich dieser Vorgang sowie die Flugbahn des Kieswurfes automatisch in der Vorstellung des Betrachters einstellen, liegt an der Klangordnung der Dinge: Da der Mensch es gewohnt ist, Gegenstände und Lebewesen mit signifikanten Geräuschen in Verbindung zu bringen, reicht das bloße Hören dieser Laute aus, diese bildlich zu evozieren. Dieser Effekt kann wie auch bei Floyer durch die Möglichkeit der technischen Aufnahme und Wiedergabe von Schall gesteigert werden, da sich hiermit jeder Sound von seinem ursprünglichen zeitlichen und räumlichen Ursprung isolieren lässt. Noch dazu lassen sich Klänge künstlich generieren, die diesen Geräuschen ähneln. Denn wir wissen nicht, ob die Tonspur tatsächlich beim Graben aufgenommen wurde oder ob Floyer sie ganz anders erzeugt hat. So gesehen, verdeutlicht die Installation Working Title (Digging) das assoziative Potential des reinen Klangs und seinen Einfluss auf unsere Einbildungskraft.  Hierauf weist auch die Bezeichnung des Werkes hin, lässt sich der Begriff „Working Title“ (dt. Arbeitstitel) in doppelter Hinsicht verstehen. Zum einen spielt er auf die konkrete, körperliche Arbeit des Grabens an, zum anderen beschreibt er einen Prozess, der erst im Entstehen begriffen ist – in diesem Falle als Ohrentäuschung in jedem einzelnen selbst.

Sven Beckstette