• Home
  • News
  • Über uns
  • Nationalgalerie
  • Projekte
    • Ausstellungen
    • Ankäufe
    • Preis der Nationalgalerie
  • Filmgalerie
  • Vereinsleben
  • Mitglied werden
  • Firmenmitglied werden
  • Tochtergesellschaften
  • Presse
  • Newsletter
  • Shop

Jean TinguelyJean Tinguely

Relief Rouge, 1978Relief Rouge, 1978

Stahl, Eisen, Aluminium, Holz, Metall, geschweißt und bemalt (rot),
178 x 288 x 112 cm

© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Schon als Kind hat Jean Tinguely Geräte konstruiert, die aus Holz, Draht und Nägeln bestanden und von Rädern bewegt wurden. Später, während seines Kunststudiums in Basel, haben ihn Werke von Kurt Schwitters und Laszlo Moholv-Nagy angeregt, sich intensiv mit kinetischer Plastik zu beschäftigen. Die Zusammenarbeit mit den Künstlern der Gruppe „Nouveaux Réaliste“ in Paris, mit Yves Klein, Arman, Spoerri, Christo und anderen, hat ihn in dieser Intention bestärkt. 1959 stellte er ostentativ fest: „Die einzig denkbare Statik (Stabilität) ist das Leben, ist die Entwicklung – ist die Bewegung oder so: Für Statik: Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht.“

Seine bewegten Materialskulpturen nahmen im Laufe der Zeit immer größere Dimensionen an. Seine künstlerische Entwicklung führte ihn nicht nur zu den berühmt gewordenen Brunnengestaltungen in Basel 1977 und Paris 1983, die er zusammen mit seiner Lebensgefährtin Niki de Saint-Phalle ausführte, sondern gegen Ende der 70er Jahre auch zu seinen raumgreifenden „Meta-Maschinen“, die übermächtig und geheimnisvoll den Charakter von fabrikähnlichen Werkstatt-Labyrinthen angenommen haben.

ln dieser Zeit entstand auch sein Relief Rouge. Tinguely setzt hier – in einem großen, rostigen Metallkasten montiert – das Spiel eines Räder- und Reifenwerkes in Gang, das mit seiner allmählichen, fast schwerfälligen Bewegung und seinem plötzlichen Umschlagen offenbar ganz sich selbst genügt und keinerlei Sinn zu machen scheint. Von drei kleinen Elektromotoren angetrieben und durch Gestänge und Laufbänder miteinander verbunden, vollziehen sich schnellere oder langsamere Rotationen und merkwürdige Richtungsveränderungen, die an das mühsame Krauchen eines Tieres erinnern. Erkennbare Regeln für den von knarrenden Geräuschen begleiteten Ablauf vermag man nicht zu entdecken; das einzige, was als eine gewisse Ordnung registriert wird, ist die permanente Wiederholung dieses Vorgangs.

Zu den zentralen Blickpunkten dieses absurden und wohl gerade deshalb faszinierenden Prozesses werden innerhalb der ausrangierten Maschinen- und Spielzeugteile, die durch leuchtendes Rot wieder aufpoliert sind, die kreisförmigen Scheiben, die die Apparatur, aber auch das Auge in Bewegung halten. Sie muten an wie Relikte der vertrauten Kraft der Rotation und stellen trotz ihrer eigentlich trivialen Gegenständlichkeit Bezüge zu uralten Lebens- und Sonnenzeichen her, die in einfachster Form auf nicht ergründbare Bahnen geschickt werden.

Das funktionslos gewordene Material, das schon für den Schrottplatz bestimmt war, erhält neue, verfremdete Funktionen in zeughaften Gebilden, die gleichsam gegenläufig und spielerisch die Anspannung jeglicher Motorik deutlich spürbar werden lassen. Tinguely hinterfragt mit diesen abstrakten Kompositionen gewohnte Erfahrungen und parodiert mit hintergründigem Humor die verbreitete Technikgläubigkeit unserer Zeit. Er gestaltet damit Gleichnisse, die in ihrer skurrilen, an Spielgeräte alter Tage erinnernden lnszenierung sowohl unsere Phantasie anregen als auch von einer tieferen, existentiellen Bedeutung getragen werden. Sein Anliegen fasste er einmal in die Worte: „Die moderne Technik ist anonym, allumfassend und diskret geworden. Letzteres auch, indem sie das Rad und die zirkuläre Bewegung, etwa beim Computer, völlig zu verbergen vermag, während meine Plastiken gerade auf diesem Prinzip, auf Rad und Kreisbewegung, beruhen. Aber weil die Technik geräuschlos geworden ist und sich mit dem Design, mit der glatten Schale und der Stromlinienform maskiert, macht sie uns vergessen, dass wir von ihr beherrscht werden. Meine Maschinenplastiken sollen diesen Tatbestand wieder ans Licht bringen.“

Fritz Jacobi