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Barnett NewmanBarnett Newman

Who's Afraid of Red, Yellow and Blue IV, 1969-70Who's Afraid of Red, Yellow and Blue IV, 1969-70

Acryl auf Leinwand
274,3 x 604, 5 cm


Erworben mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

© Barnett Newman Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Im kunsttheoretischen Dialog mit Mondrian und in der Auseinandersetzung mit dem "Tragischen" (Gottlieb, Rothko) und der Aktionsmalerei (Pollock) in der zeitgenössischen amerikanischen Kunst entstanden 1966 die I. Fassung, 1967 die II. Fassung, 1966/67 die III. Fassung und 1969/70 die IV. und letzte Fassung der Bildfolge "Wer hat Angst vor Rot, Gelb und Blau", die Barnett Newman vor seinem Tod 1970 vollendete.

Diese "Big Canvas" wirkten in den 60er Jahren vorbildlich vor allem auf die Malerei von Donald Judd und Frank Stella ein. Zu seinem fundamentalen Farbfeld-Problem "Rot, Gelb und Blau" resümierte der Maler 1969:  "Ich begann dieses Bild, mein erstes in der Serie Who's Afraid of Red, Yellow and Blue als ein 'erstes Bild', unvorbereitet. Ich hatte den Wunsch, dass das Bild asymmetrisch sein sollte und einen Raum bildet, der sich von jedem, den ich je geschaffen hatte, unterscheidet, eine Art 'off-balance'.  Es war kurz nachdem ich den roten Hauptkörper aufgebaut hatte, als das Farbproblem entscheidend wurde, nur die Farben Gelb und Blau möglich waren. - In diesem Moment realisierte ich, dass ich dem Dogma gegenüberstand, dass Farbe auf die Primärkonstellation reduziert werden muss. Wie ich anderen dogmatischen Positionen der Puristen, Neoplastizisten und anderen Formalisten entgegentrat, war ich nun in Konfrontation mit ihrem Dogma, welches Rot, Gelb und Blau mit einer Hypothek belasteten, in dem sie diese Farben in eine Idee transformierten und sie dadurch als Farben zerstörten? Ich hatte dehalb den doppelten Anreiz, gerade diese Farben zu verwenden, um meine Absichten auszudrücken, sie mehr expressiv als didaktisch einzusetzen und sie von ihrer Hypothek zu befreien. Warum sollte irgend jemand Angst haben vor Rot, Gelb und Blau?"

Im Laufe weniger Jahre wechselte Newman nicht nur vom Hoch- zum Querformat der Leinwände, er steigerte auch deren Ausmaße ins nahezu Gigantische. In der großen Berliner Fassung mit ihren unübertroffenen Ausmaßen von 274,3 x 604,5 cm entschied sich Newman für eine kompositionelle Grundstruktur, in die er ein schmales senkrechtes, tiefblaues Band in der Mitte zwischen ein rotes und gelbes Quadrat einspannte. Dieses dunkle Lot, auch "Zip" genannt, teilt, öffnet und verklammert die daneben liegenden, gleich großen farbigen Quadrate in Rot und Gelb auf der rahmenlosen Bildfläche. Newmans Farbauftrag meidet dabei jede malerische Pinselspur, in Schichten wurden die deckenden Acrylfarben aufgetragen, so dass schließlich eine völlig homogene Oberfläche entstand, die sich bei wechselndem Licht auch im "Überstrahlen" der drei luminiszierenden Farben Gelb und Rot ständig verändert. Gelb und Blau bestehen aus einer Farbschicht, das Rot hingegen aus 17 übereinanderliegenden Schichten, um die Gegensätze wie die Harmonie der Farbflächen untereinander zu verschärfen.

Dieses monumentale Bild ist rigoros auf die Primärfarben Rot, Gelb und Blau reduziert, jede Assoziation von Gegenständlichkeit ist restlos getilgt. Für Newman definieren sich die Farben Rot, Gelb und Blau im Simultankontrast durch ihre Intensität und Ausdehnung. Newmans FarbForm ist in der vierten Fassung konsequent zu letzter, abschließender Vollendung gebracht: "In diesem epochalen Werk balanciert die strukturelle Symmetrie die farbliche Asymmetrie aus bzw. unterminiert die Intensität von Primärfarben die Rigidität des Formats. Ein Gemälde, das nicht mehr auf völligen Ausgleich der beiden sich widerstreitenden Leitprinzipien Newmans angelegt ist, d.h. mit der Überwindung des Bildformats zugleich dessen Bestätigung zu betreiben. Who's afraid of Red, Yellow and Blue IV macht im Gegenteil das Divergente evident." (Armin Zweite, 1997).

Newmans Malerei repräsentiert so den vielleicht absoluten Endpunkt in der Geschichte der Malerei, einer auch ethisch und philosophisch begründeten Bildintention, in der das Werk autonom für sich existiert und zugleich nur lebendig wird in der Rezeption des aktivierten Betrachters: "Der über das Blau im Bild stabilierte Betrachter erlebt sich durch das ihm optisch sehr nahe kommende Rot und das sich von ihm entfernende Gelb als mitten im Bild stehend. Er selbst wird zum Mittelpunkt eines ihn umschließenden Farbraumes." (Dieter Honisch, 1998). In diesem meditativen "Andachtsbild" des 20. Jahrhunderts, das ohne die Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die mystische Tradition des jüdischen Ostens nicht denkbar ist, wird der Betrachter zwischen den Polen von Nähe und Distanz herausgefordert und letzlich ganz auf sich selbst verwiesen: "The Sublime is now" (Barnett Newman).

Barnett Newmans Who's Afraid of Red, Yellow and Blue IV konnte 1982 durch das außerordentliche Engagement von Direktor Dieter Honisch mit Unterstützung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie aus dem Nachlass des Künstlers erworben werden. Die von vielen Seiten heftig umstrittene Erwerbung erfolgte unter massiven Protesten in der Öffentlichkeit, die Boulevardpresse diffamierte Newmans Malerei als Werk "eines Anstreicherlehrlings". Auch vor Morddrohungen gegenüber Dieter Honisch schreckte man nicht zurück.

In einer Ausstellungs-Hommage für Barnett Newman stifteten 1982 26 deutsche Künstler je eines ihrer Werke dem Verein der Freunde der Nationalgalerie. Am 13. April 1982 wurde das Jahrhundertbild Newmans durch die Attacke eines manisch depressiven Veterinärmedizinstudenten aus dem Saarland schwer beschädigt. Erst im Januar 1985 konnte es nach hochsensibler, geglückter Restaurierung wieder im Mies-van-der-Rohe-Bau gehängt werden. Seitdem ist Barnett Newmans Who's Afraid of Red, Yellow and Blue IV inmitten der wechselnden Präsentationen von American Colorfield in verschiedenen Räumen auch das unübertroffene Krönungsbild für die Ära Dieter Honisch in der Neuen Nationalgalerie geblieben.

Roland März